Veröffentlicht am 05.03.2026   Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg e.V.   DE

Neue Studie: Mehr Windkraft im Süden spart Kosten im Milliardenbereich

Bis zu 1,8 Milliarden Euro weniger für Netzengpassmanagement  pro Jahr und geringerer Nord-Süd-Netzausbau

Erneuerbaren-Verbände aus Baden-Württemberg und Bayern fordern Anpassung des Referenzertragsmodells 

Stuttgart/Freising. In Baden-Württemberg und Bayern liegen so viele Windenergieprojekte in der Schublade wie nie zuvor: Zahlreiche Anlagen sind genehmigt. Sie erhalten in den stark überzeichneten Ausschreibungen des Bundes aber kaum mehr Zuschläge. Im Süden Deutschlands werden daher künftig deutlich weniger Windparks gebaut als geplant und benötigt. Dabei könnte ein stärkerer Ausbau in den beiden südlichen Bundesländern das immer teurer werdende Netzengpassmanagement reduzieren und den erforderlichen Nord‑Süd‑Netzausbau effizienter gestalten. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) im Auftrag der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg (PEE BW) und des Landesverbands Erneuerbare Energien Bayern (LEE Bayern). Die Studie zeigt, dass der Markt ohne Korrektur zu einem einseitigen Ausbau im Norden tendiert - mit hohen Systemkosten allein beim Redispatch um 1,8 Milliarden Euro pro Jahr. Die beiden Branchenverbände fordern deshalb mehr Windkraft im Süden und eine Anpassung des Referenzertragsmodells, das die Fehlentwicklung eigentlich ausgleichen soll. 

In Baden-Württemberg und Bayern gibt es unter anderem aufgrund der gemeinsamen Anstrengungen der Landesregierungen und der Branche inzwischen eine hohe Zahl genehmigter Windenergieanlagen. Doch im Ausschreibungsverfahren kommen diese Projekte kaum zum Zug. Flächen sind reserviert, Gutachten erstellt, Planungsverfahren abgeschlossen und die Genehmigungen erteilt - trotzdem stockt der tatsächliche Ausbau. Viele Vorhaben scheitern nicht an fehlender Akzeptanz oder Planungsleistung vor Ort, sondern an der Ausgestaltung des Förderregimes auf Bundesebene. Die Folge: Millionenbeträge, die bereits in Planung und Genehmigung geflossen sind, bleiben ungenutzt, der saubere Strom fehlt. Der Südwesten hinkt auch deswegen seinen eigenen Ausbauzielen hinterher.

Ausbau in Deutschland ist weiterhin nicht ausgeglichen

Die Analyse der geplanten Ausbaupfade macht das Dilemma deutlich. Setzt sich die aktuelle Markttendenz fort, liegt die installierte Leistung an Land bis 2030 in Baden‑Württemberg bei nur rund 2,85 Gigawatt und in Bayern bei etwa 3,72 Gigawatt. In einem an den Netzentwicklungsplan angelehnten, regional ausgewogeneren Szenario wären es hingegen 7,46 Gigawatt in Baden‑Württemberg und 9,37 Gigawatt in Bayern. "Die heutigen Ausschreibungsregeln führen nicht zu einem ausgewogenen Ausbau - süddeutsche Potenziale bleiben weitgehend ungenutzt, obwohl sie energiewirtschaftlich dringend gebraucht würden", sagt Jürgen Scheurer, der Geschäftsführer der PEE BW. 

Energiewirtschaftlich ist das problematisch, denn mehr Windleistung im Süden würde das System spürbar stabilisieren. Wird Windstrom vor Ort erzeugt, müssen deutlich weniger Energiemengen über weite Strecken von Nord nach Süd transportiert werden. Das senkt den ohnehin erheblichen Ausbaubedarf bei den großen Transportleitungen wie Südlink. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an Redispatchmaßnahmen - also etwa Eingriffen, bei denen Windparks im Norden abgeregelt und Ersatzkraftwerke im Süden hochgefahren werden, um das Netz zu entlasten. Diese Eingriffe verursachen jedes Jahr hohe Kosten, die über die Netzentgelte bei allen Stromkundinnen und Stromkunden landen. 

Starker Ausbau im Norden führt zu höheren Systemkosten

Die Studie macht auch deutlich, dass der heute marktgetriebene starke Ausbau im Norden energetisch weniger bringt, als es die installierte Leistung vermuten lässt. Zwar würde bei der aktuellen Ausbautendenz im Norden insgesamt 13 bis 17 Terawattstunden mehr Windstrom erzeugt als in einer ausgewogeneren Nord‑Süd‑Variante. Durch deutlich höhere Abregelungen im Norden geht jedoch ein Großteil dieser zusätzlichen Energiemengen verloren. Nach Abzug der Abschaltungen unterscheiden sich die tatsächlich nutzbaren Energiemengen der beiden Szenarien nur noch um etwa 4 bis 8 Terawattstunden - der vermeintliche Vorteil des einseitigen Nord‑Ausbaus schrumpft damit deutlich zusammen.

Ein stärkerer Windausbau im Süden kann dagegen im Stromsystem bis zu 1,8 Milliarden Euro Redispatchkosten pro Jahr einsparen. Der regional ausgewogenere Ausbau führt zwar zu etwas weniger deutschlandweit erzeugter Windstrommenge, bringt aber insgesamt deutliche wirtschaftliche und systemische Vorteile: weniger Abregelung, weniger Engpässe, geringerer Bedarf an zusätzlichem Nord‑Süd‑Netzausbau und damit geringere Gesamtkosten der Energiewende. Auch unterschiedliche Strompreiszonen können damit abgewendet werden.

Erneuerbaren-Verbände fordern Anpassung des Referenzertragsmodells

Trotz dieser klaren systemischen Vorteile geraten süddeutsche Projekte in den Ausschreibungen ins Hintertreffen. "Der Grund liegt im Referenzertragsmodell, das eigentlich schwächere Windstandorte gegenüber sehr ertragsstarken Regionen ausgleichen soll. In der Praxis aber werden Standorte mit einer Standortgüte unter 60 Prozent nicht gleichmäßig kompensiert, sondern überproportional benachteiligt", erklärt Dr. Ariane Lubberger, Geschäftsstellenleiterin des LEE Bayern. In Zeiten stark überzeichneter Ausschreibungen führe das dazu, dass Projekte im Norden mit sehr niedrigen Gebotswerten die Zuschläge erhalten, während genehmigte Anlagen in Baden‑Württemberg und Bayern leer ausgehen. 

Branchenvertreter aus Baden‑Württemberg und Bayern fordern daher eine Anpassung des Referenzertragsmodells. "Die alleinige Orientierung an der Windhöffigkeit ist nicht geeignet, das System zu stabilisieren. Wir brauchen eine andere Regelung für Windparks im Süden Deutschlands, damit sie in den Ausschreibungen wieder realistische Chancen auf einen Zuschlag haben", fordern Dr. Ariane Lubberger und Jürgen Scheurer von den beiden Erneuerbaren-Verbänden. "Moderat höhere Förderkosten für Anlagen an weniger windstarken Standorten würden durch sinkende Systemkosten mehr als aufgewogen." Nach einer solchen Anpassung gebe es weniger Redispatch, einen geringeren Bedarf an zusätzlichem Netzausbau und eine robustere, regional besser abgestützte Stromversorgung. 

Für Baden‑Württemberg und Bayern wäre eine solche Anpassung ein klares Signal: Die investierte Vorarbeit in Genehmigungen zahlt sich aus und der Windenergieausbau im Süden hat eine echte Perspektive. Für das gesamte Energiesystem bedeutet sie, dass Windenergie, wie seit Jahren geplant, auch dort gebaut wird, wo sie nicht nur viel Strom liefert, sondern auch Netze entlastet und Kosten senkt - ein zentraler Baustein für eine bezahlbare und sichere Energieversorgung.

Über die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg

Die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg e.V. (PEE BW) ist eine Dachorganisation der Verbände, Unternehmen und Forschungsinstitute aus der Erneuerbaren-Energien-Branche in Baden-Württemberg. Der Verein wurde im März 2019 gegründet und setzt sich für den schnellen Ausbau der Erneuerbaren Energien und die sektorenübergreifende Umsetzung der Energiewende in Baden-Württemberg ein. Die Vereinszwecke der Plattform Erneuerbare Energien sind die klimapolitische, industriepolitische und volkswirtschaftliche Bedeutung der Erneuerbaren noch stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, den Vorteil für Verbraucher, Unternehmen und Kommunen darzustellen sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Ausbau der Erneuerbaren aktiv mitzugestalten.

Über den Landesverband erneuerbare energien Bayern

Der Landesverband Erneuerbare Energien Bayern e.V. (LEE Bayern) LEE Bayern arbeitet für die 100 % Versorgung mit Erneuerbaren Energien in allen Sektoren. Strom, Verkehr, Wärme sowie der Bereitstellung von Energie und Stoffen für industrielle Fertigungsprozesse. Er vertritt in Bayern die Ziele der Energiewende und als Dachverband die Interessen seiner Mitglieder und vernetzt alle an der Energiewende beteiligten Akteure im Sinne des aktiven Klimaschutzes. Dabei sollen Ressourcen geschont, Natur und Umwelt geschützt und nachhaltig gewirtschaftet werden. Bei hierbei natürlichen Konflikten findet der Verband wir im Dialog mit Wissenschaft und Naturschutz Lösungswege.

 

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Windenergieanlagen Biederbach

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Der Südwesten braucht mehr Windenergieanlagen – Anlage bei Biederbach im Schwarzwald.
(Foto: BWE / Sandra Majer)
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